Nicht alles ist ADHS

ADHS wird oft missverstanden. Viele Vorstellungen darüber sind falsch oder zu vereinfacht. Wichtig ist daher auch zu wissen, was ADHS nicht ist.

  • ADHS ist keine Frage der Erziehung:
    Es entsteht nicht, weil Eltern „zu streng“ oder „zu locker“ sind

  • ADHS ist kein Zeichen von mangelnder Intelligenz:
    Viele Menschen mit ADHS sind sogar besonders kreativ, schnell im Denken oder sehr begabt.

  • ADHS ist keine Faulheit:
    Betroffene wollen sich oft konzentrieren – ihr Gehirn kann die Aufmerksamkeit jedoch schwerer steuern.

  • ADHS ist kein reines „Zappelproblem“:
    Bei vielen Menschen zeigt sich ADHS eher durch innere Unruhe, Tagträumen oder Gedanken, die ständig abschweifen.

  • ADHS ist keine Modeerscheinung:
    Die Störung ist seit über 100 Jahren wissenschaftlich beschrieben.

  • ADHS ist kein Problem, das nur Kinder betrifft:
    Auch viele Jugendliche und Erwachsene leben mit ADHS.

Kurz gesagt:

ADHS ist kein Charakterfehler, sondern eine besondere Art, wie das Gehirn Aufmerksamkeit, Impulse und Energie reguliert.

Fallbeispiel: Wenn Konzentrationsprobleme kein ADHS sind

Lukas, 9 Jahre, wird von seinen Eltern zur Abklärung gebracht. Die Lehrerin berichtet, dass er im Unterricht oft aus dem Fenster schaut, Aufgaben nicht fertig macht und scheinbar nicht zuhört. Zuhause dauern die Hausaufgaben sehr lange. 

Die Eltern fragen sich: „Hat unser Sohn ADHS?“

Bei der genaueren Abklärung zeigt sich jedoch ein anderes Bild. Lukas wirkt im Gespräch ruhig und interessiert. Wenn er über seine Hobbys spricht – besonders über Dinosaurier – kann er sich sehr lange konzentrieren und erzählt detailreich. Auch beim Spielen eines komplexen Brettspiels bleibt er aufmerksam.

In der Schule fällt jedoch auf, dass Lukas beim Lesen stockt und Wörter häufig falsch erkennt. Texte zu verstehen kostet ihn viel Kraft. Während andere Kinder schon fertig sind, kämpft er noch mit dem ersten Absatz. Dadurch verliert er schnell die Motivation und beginnt abzuschweifen.

Die diagnostische Untersuchung zeigt schließlich eine Lese-Rechtschreib-Störung.

Seine Konzentrationsprobleme entstehen also nicht durch ADHS, sondern weil das Lesen für ihn extrem anstrengend ist. Das Gehirn muss so viel Energie für die Grundfertigkeit aufbringen, dass für Aufmerksamkeit und Ausdauer kaum Ressourcen übrig bleiben.

Nachdem Lukas gezielte Förderung für das Lesen erhält, verbessert sich auch sein Verhalten im Unterricht deutlich. Die vermeintlichen „Konzentrationsprobleme“ verschwinden weitgehend.

Was dieses Beispiel zeigt

Nicht jedes Kind, das

  • unkonzentriert wirkt
  • träumt
  • Aufgaben nicht fertig macht
  • oder schnell frustriert ist


hat automatisch ADHS.

Ähnliche Symptome können auch entstehen durch:

  • Lernstörungen
  • Angst oder Stress
  • Überforderung oder Unterforderung
  • Schlafprobleme
  • familiäre Belastungen
  • depressive Verstimmung.

 

Darum ist eine gründliche diagnostische Abklärung so wichtig. ADHS ist eine spezifische neurobiologische Störung – und nicht jede Form von Unaufmerksamkeit gehört dazu.

 

Martin, 38 Jahre, kommt in eine psychologische Abklärung, weil er überzeugt ist, ADHS zu haben.
Er berichtet:

  • Er kann sich bei der Arbeit schlecht konzentrieren.
  • Er beginnt viele Aufgaben und beendet sie nicht.
  • Er vergisst Termine und fühlt sich ständig überfordert.
  • Abends ist er erschöpft und innerlich unruhig.

Er sagt:

„Ich habe im Internet gelesen, dass das alles typische ADHS-Symptome sind.“

Im ersten Moment klingt das tatsächlich danach.

Doch in der genaueren Anamnese zeigt sich ein anderes Bild.

Martin beschreibt, dass er früher in der Schule nie besondere Konzentrationsprobleme hatte. Er konnte lange lernen, war organisiert und hat ein Studium erfolgreich abgeschlossen. Schwierigkeiten begannen erst vor etwa zwei Jahren.

In dieser Zeit hat sich sein Leben stark verändert:

  • eine Trennung nach einer langen Beziehung
  • deutlich mehr Verantwortung im Job
  • kaum Schlaf
  • dauerhafte innere Anspannung.

m Gespräch wirkt Martin niedergeschlagen, berichtet von Grübeln, wenig Freude an Dingen, die ihm früher wichtig waren, und einem starken Gefühl von Erschöpfung.

Die weitere Diagnostik zeigt schließlich eine depressive Episode.

Die Konzentrationsprobleme entstehen hier nicht durch ADHS, sondern durch die Depression. Wenn Menschen depressiv sind, funktionieren Aufmerksamkeit, Gedächtnis und Motivation oft deutlich schlechter.

Nachdem Martin eine Behandlung für seine Depression beginnt, verbessert sich auch seine Konzentration wieder.

Was dieses Beispiel zeigt:

Viele Symptome von ADHS können auch bei anderen psychischen Belastungen auftreten, zum Beispiel:

  • Depression
  • Angststörungen
  • chronischer Stress
  • Schlafmangel
  • Burnout.

 

Wichtig für die Diagnose von ADHS ist deshalb, dass:

  • die Symptome bereits in der Kindheit bestanden haben
  • sie über viele Lebensbereiche hinweg auftreten
  • und nicht erst durch eine spätere Belastung entstanden sind.

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